Vom Roggenband und vom Plon

Viele Ostpreußen bezeichnen die Erntezeit, die „Austzeit“ zu Hause als schönste Zeit des Jahres, wenn sie auch den meisten Schweiß kostete. Landsmann Lilienweiß hat die großen Ereignisse auf dem Hof seiner Eltern immer als „etwas Feierliches“ empfunden – das Viehaustreiben um den 1. Mai herum sowie das Kornanhauen Mitte Juli. „Denn stüng wi aller“, erzählt er in seinem Platt.

„Dann standen wir alle und sahen wir, wie die Kühe und das Jungvieh ausgetrieben wurden, und das war alles so, als wenn das was Besonderes war. Genauso war es, wenn die zweijährigen Pferde angelehrt wurden. Und so war es mit der Heuaust und mit der Konrnaust. Wer dann die erste Sense hatte, für den war das immer ein Vorrang, eine eigentliche Ehre.“

Dönhofstädt, Kreis Ratenburg; Vorschnitter Franz Mielke und hinter ihm noch mindestens 15 Binderinnen und Schnitter. Foto: Bildarchiv Ostpreußen

Und ähnlich war es wohl im ganzen Land: Arbeit war Gottesdienst, besonders in Ihren hohen Zeiten. Der Sämann warf die ersten Körner in Kreuzform auf Acker. Ein Kreuz malte der Bauer mit dem Schaufelstiel in die Körner des ersten Scheffels, ein Kreuz schnitt die Mutter vor dem Brotanschneiden in die Kruste. Arbeit und Gebet zugleich. So waren auch die Reime beim Binden und bei der Überreichung der Erntekrone mit Segenswünschen verbunden.

„Bei uns in Natangen war das so: Wenn der Roggen angehauen wurde, ging der Bauer oder Gutsbesitzer mit seiner Frau, den Kindern und Sommergästen aufs Feld. Das erste Mädchen nahm ein Bündel Halme wie zum Garbenbinden, ging zum Herrn und knüpfte es fest um seinen Arm. Das zweite Mädchen ging zur Frau, die anderen zu den Kindern und Gästen. Die mussten sich dann „loskaufen“. Sie gaben so viel Geld, dass die Hauer und Binder dafür an einem Regentag in den Krug gehen und Kranzbier feiern konnten. Trotz dieses sogenannten Lösens des Roggenbandes behielt man die Halme um, bis man wieder zu Hause war.“

Groß Scharlack, Ernte-Brauch: Binden mit Roggenband; Foto: Bildarchiv Ostpreußen

Wenn sie auch noch so sehr drückten und kratzten, wir Kinder waren stolz, mit den Halmen am Arm nach Hause zu kommen. Wir brachten sie über unseren Betten an als den schönsten Wandschmuck.

Beim Binden haben die Mädchen Verse aufgesagt, die klangen wie die Reime im Märchenbuch, waren also schon alter Herkunft:

Ich tu mich unterwinden, (meist jedoch: „überwinden“!)

Unsern Herrn zu binden

Mit einem Roggenband

Um seine schneeweiße Hand!

Dies Band soll gelöst sein

Nicht mit Bier und nicht mit Wein,

sondern wie es dem Herrn gefällig mag sein.

 

Die Herrschaft kommt aufs Feld geschritten.

Wir haben heut das Korn geschnitten.

So viel Hock so viel Schock,

so viel Ar so viel Paar,

So viel Körner so viel Scheffel.

Und die davon werden essen,

werden den lieben Herrgott nicht vergessen.

 

Ich bring unserer Frau ein Bändelein.

Es sind viel schöne Blumen drein:

weiß, rot und blau,

dass die Frau ihre Lust dran schau‘.

Dies Band hält fest

Wie dem Baum seine Äst,

wie dem Vogel sein Nest,

wie dem Vogel sein Gesang,

Wie der Glocke ihr Klang,

wie Sonne und Mond ihr Schein.

Ich wünsche, dass aufs andre Jahr

Das Beste gewachsen mag sein.

 

Ich will mich überwinden,

unser Fräulein zu binden

mit einem Roggenband

um ihre schneeweiße Hand.

Bald glänzt ein Ringlein dran.

Ich wünsch‘ unserem Fräulein einen schönen jungen Mann

und ein holdes Kind.

Das soll tragen einen goldenen Ring.

Ein goldener Ring und ein langes Leben

Sei unserm Fräulein mitgegeben.

 

Der Brauch des Sich-Los-Kaufens mit Geld ist nicht so alt wie der Brauch des Bindens selber. Die Schleife, die die Halme beim Binden beschreiben, ist wie die Figur des Kringels am Gründonnerstag und zu Weihnachten ein Symbol aus der Frühzeit, worin sich der Mensch verbunden weiß mit Erde und Himmel und der in allem wirksamen Macht.

Flammberg, Kreis Ortelsburg; Ernte bei Johann Krischik; Foto: Bildarchiv Ostpreußen

In Masuren ist es wiederum das Wasser, das auch zur Erntezeit frische Lebenskraft spenden soll. Aus einem der vielen Seen geschöpft, wurde es in hölzernen Eimern und Bottichen bereitgestellt. Feierlich wurde der „Plon“, die letzte Garbe, vor das Haus gebracht. Wenn das Lied „Wir schneiden den Plon“ verklungen war, bekamen Hauer und Mädchen mit Eimern und Stüppeln Wasser über der Kopf gegossen, dass sie nur so trieften. In manchen Gegenden begossen die Mädchen die Männer, und dafür wurden sie dann in den Teich getaucht. Dieses Untertauchen war an manchen Orten auch vor der Saatbestellung üblich. Es sollte für die jungen Saaten reichen viel guten Regen herbeiführen.

Im Danziger Werder musste die langsamste Binderin unter die Vorlaube des Hauses treten und bekam ihren Wasserguss von oben herab.

„Bald nachdem das letzte Fuder eingefahren war, wurde das Erntefest gefeiert. Nicht erst im Oktober am kirchlichen Erntedankfest. Meistens schon Mitte September, wenn wir noch schönes Sommerwetter hatten. Bei uns fing es einen Sonnabend am frühen Nachmittag an. Vor dem Gutshaus versammelten sich alle Arbeiterfamilien von der ältesten Großmutter bis zum kleinsten Kind, sofern es schon stehen konnte. Es wurden Lieder gesungen, eine Festrede gehalten, – dann überreichte eins der Mädchen die Erntekrone, die das Jahr über, oft auch länger, in der Hausdiele hängenblieb. Das Mädchen sagte dazu den Spruch:

Ich bring‘ der Herrschaft eine Kron‘ von Korn.

Sie ist gewachsen in Distel und Dorn,

hat ausgestanden Schnee, Hagel und Regen.

Ich wünsche der Herrschaft viel Glück und viel Segen.

Und die von dem Korn werden essen,

werden den lieben Gott nicht vergessen.“

Karmitten, Gutshof, Erntefest, Ehepaar Sehmer auf der Haustreppe; Foto: Bildarchiv Ostpreußen

Musik voran, ging es dann in langem Zuge durch den Gutspark und wieder auf den Hof und die Speichertreppe hinauf. Auch Frau Kausch hat die schönsten Erinnerungen daran bewahrt.

Waldkeim, Umzug beim Erntefest 1935; Foto: Bildarchiv Ostpreußen

„Ja, das Austbier, das war für den Landarbeiter das Schönste vom ganzen Jahr. Wenn es auch im Sommer große Schufterei gegeben hatte auf dem Kornschwatt und beim Einfahren, – die Freude auf das Austbier ließ alles vergessen. Dann wurde, wenn es schon auf die letzten Wagen zuging, von allen Getreidearten gesammelt. Die Mädchen nahmen sich diese Wischer nach Hause oder auf die Scheunendiele, und da wurde dann die Erntekrone geflochten. Die war ja dann ziemlich groß und schwer, weil sie über große Bügel geflochten wurde. Sie hatten dann auch Schleifen und Blumen von buntem Papier daran gebunden oder Strohblumen angemacht, und dann, wenn der letzte Wagen vom Feld kam, dann war da ganz oben – auf die Forke gestellt – die Erntekrone. Und die Bauersche und der Bauer, die Standen dann schon vor’m Hoftor und warteten. Es war ein großes Ereignis für die Bauernfamilie und auch für alle, die sich an der Aust beteiligt hatten. Und dann gab es erst mal für jeden Schnaps eingegossen. Und dann war erst einmal ein paar Stunden Ruhe. Und abends, mitunter schon nachmittags, so war es angesagt worden, wurde Austbier gefiert. Dann hatte die Bauersche ja schon viel geschafft. Sie hatte allerhand Fladen gebacken und musste überhaupt alles herbeitragen: Schnaps war genug da, Bier kistenweis‘ und achtelweis‘, auch zu rauchen für die Männer, denn jeder konnte doch rauchen, so viel er wollte, an nichts durfte es mangeln. Vor dem Haus bedankte sich der Bauer für den vielen Fleiß, den die Arbeiter doch bewiesen hatten in diesen Wochen, und dann ging es los:

Bilderweiten, Erntedankfest 1937 oder 1938. Die Erntekrone. Foto: Bildarchiv Ostpreußen

Geschlossen zogen sie die hohe Speichertreppe hinauf, denn da oben waren die großen Flächen, wo getanzt werden sollte. Und da war eine schöne Musikkapelle, ja, bis fünf, sechs Mann, und da war doch Blechmusik, das musste alles klingern. Vor dem Tanzen gab es aber noch Kaffee und richtigen Fladen, auch Pirock mit Zucker und Kanneel drauf, und Theater haben wir gespielt. Ach, was haben wir getanzt! Die ganze Nacht durch! Der erste beste Arbeiter packte die Bauersche zum Ehrentanz. Ich war ja ganz verrückt aufs Tanzen. Dann haben wir so viel gescherbelt, dass die Füße schon nicht mehr in den Schuhen Platz hatten und dann ging ich an den Fluss, huckte mich auf den Steg und hing die Füße rein und kühlte sie mir. Ach, war das eine Wohltat, da ließen gleich die Schmerzen nach! Na, und meine Mutter sagte einmal zu mir: „Na, du Krät, denn riete di de Hesse noch nich jenog, wenn du so veel danzt, – wenn du nich weetst, wenn jenog haest.“ Ich muss sagen: Das war das schönste Fest vom ganzen Jahr, das Austbier.“

Waldkeim, Theateraufführung beim Erntefest; Foto: Bildarchiv Ostpreußen

Quelle: „Vom Festefeiern in Ostpreußen“ von Hedwig von Lölhöffel-Tharau, Hamburg 1987