Vom Johannisfeuer und von neunerlei Kraut

Unsere Erzählerin aus dem Kreise Darkehmen berichtet von der Sommersonnenwende:

„Am Johannesabend wurde „Hex verbrennt“. Es wurde ein Wagenrad genommen, und in die Achse wurde viel Teer geschmiert. Dann wurde die Weißdornhecke beschnitten und möglichst viel Tannenäste, und die mussten trocken sein, damit das Feuer gut brannte. Auf der höchsten Erhebung von unserem Land wurde Johannesfeuer gebrannt. Damit sollte vom ganzen Land alles Unwetter ferngehalten werden.“

Johannisfeuer; Quelle: commons.wikimedia.org

In der Tilsiter Gegend war es etwas anders:

„Bei und wurde zum Johannisfest ein großes Fass angerollt. Da wurde Holz und Strauch `reingesteckt, mit Teer vollgegossen und an einem großen Pfahl befestigt. Der wurde in die Erde gegraben. Die jungen Leute kamen zusammen, steckten ihn an, und dann haben sie getanzt – Ziehharmonika hatten sie – Polka haben sie getanzt und wie die Tänze damals alle hießen. Wir Kinder freuten uns, dass wir so lange aufblieben durften. Es war direkt an der Memel auf einem Berg. Von da ging der Schein über die Memel nach rechts und nach links. Überall verbrannten die ollen Hexen.

Und dann mussten wir vom Beet siebenerlei Blumen holen. Die wurden zum Blumenstrauß zusammengebunden, und dann stellten wir uns hin und schmissen den Blumenstrauß über den Kopf aufs Dach. Ist ganz gleich, was für ein Dach das war: Hausdach oder Stalldach oder Schauerdach oder ein Scheunendach. Das niedrigste Dach suchten wir uns aus. Und wenn der Strauß oben blieb, dann ging unser Wunsch in Erfüllung. Und kam er `runter, na, dann hatten wir Pech gehabt.“

„Ja, das hatten wir bei uns auch – stimmte Frau Kausch ihrer Schwägerin zu: – Aber wir setzten auch Johanneswurzeln. Da wurde eine Beete- und eine Wrukenpflanze mit den Wurzeln zusammengewickelt, – so richtig zusammengedreht und dann eingepflanzt, so wie eine Pflanze gesetzt werden muss. Und dann waren wir schon neugierig: wuchsen sie an? Die beiden Pflanzen waren mein „Schmisser“ und ich, und da kuckten wir denn schon nach: ja, sie wuchsen an! Dann wussten wir: das wird auch ein Paar!“

Aus Natangen, dem Land zwischen der nördlichen Alle, dem Pregel und dem Frischen Haff erzählte man sich, dass in der Johannisnacht, wenn auf weiten Wiesen das Gras schnittfrei stand, ein Sensenmann zu hören war. Der dengelte seine Sense und rief:

Schrap, schrap, hau sacht,

langer Darg, korte Nacht.

Es war die Wiesenschnarre, ein Vogel, der sich nachts in einen Hauer verwandelte. In alten Zeiten soll dann am Morgen das Gras in Schwaden gelegen haben.

Überall im ganzen Land bescherte diese Nacht Wunder über Wunder. In Masuren wusste man zu berichten, dass Farnkraut im Wald goldene Sternblumen trage. Wer sie fände, erfahre vielerlei seltsame Dinge, so auch die Kunde von vergrabenen Schätzen. Die Samen des Farnes hätten in dieser Nacht besondere Heilkräfte.

Es ist bekannt, dass die meisten Arten von Heilkräutern von Johanni geerntet werden sollen, weil später ihre Wirkung abnimmt. So sammelte man in Natangen und im Samland neunerlei Kräuter und flocht sie in der Johannisnacht zum Kranz. Den warf man rückwärts über den Kopf ins Fenster oder band ihn an eine Schnur, die zum Fenster hinaushing. Wie beim Osterwasserholen müsste man schweigen, bis man in der Schlafstube angelangt war und den Kranz unters Kopfkissen gelegt hatte. Der Traum dieser Nacht sollte dann in Erfüllung gehen. Diese neun verschiedenen Heilkräuter, in den Gräben am Feldrand gepflückt, hat man in früheren Zeiten, als die Menschen noch weiser waren, unter dem Kissen liegen lassen. Schafgarbe war dabei, Kamille, Johanniskraut, Jesu-Wunden-Kraut, Labkraut, Schachtelhalm, Feldstiefmütterchen und was sonst noch an heilkräftigen Pflanzen zu finden war.

Das „Hex verbrennen“ nannte eine unserer Erzählerinnen „einen alten heidnischen Brauch. Es gibt sehr viele Bräuche, in denen heidnische Vorstellungen mit christlichen verwoben wurden. Das Hexverbrennen allerdings kannten weder die Altpreußen noch die Altgermanen oder sonstige heidnische Voelker. Es stammt aus dem ausgehenden Mittelalter, da man wirklich der Zauberei verdächtige Frauen und Mädchen auf den Scheiterhaufen stellte. Hexen, als hässliche Hutzelweiber auf Besen reitend dargestellt, hat man in der Frühzeit nicht gekannt. Im Altdeutschen waren die „Hagedissen“ die Waldweisen: Frauen, die mit Kräutern und Segenssprüchen heilten. Sie waren schön wie die Walpurgis – im Märchen „Allerleirauh“ genannt, die in der Maiennacht oder Mitsommernacht vom Jaeger gefangen, von König zur Hochzeit geführt wurde. Ähnliche Gestalten hat es auch bei den Altpreußen und Litauern gegeben. Bei der Bekehrung zum Christentum wurde – wie immer im Menschenleben – hier in weiser Überlegung, dort mit ungestümem Eifer gehandelt. Wer die heilige Eichen der Preußen fällte, musste gewärtig sein, selber ein Opfer der Axt zu werden. Wer aber behutsam an eine heilige Linde ein Muttergottesbild heftete oder, wie später Margarethe von Kunheim, Luthers Tochter, es tat, den Opferstein von Knauten zum Taufstein bestimmte, konnte des Erfolges gewiss sein. Dass man die heilkundigen Frauen zu bösen Zauberinnen und Hexen machte, hat keinen Segen gebracht.

Im Johannisbrauch trat die Hexe in Form einer Strohpuppe an die Stelle älterer Gestalten, besonders der des Winters beim Osterfeuer.

Vom Johannisfeuer wurde an manchen Orten von jeder Familie ein brennendes Holzscheit mitgenommen und damit das Herdfeuer neu angezündet.

Quelle: „Vom Festefeiern in Ostpreußen“ von Hedwig von Lölhöffel-Tharau, Hamburg 1987