Pfingsten in Ostpreußen

Vom Kalmus und von der Alwieteschockel.

Über das Pfingstfest erzählte unser Ermländer, dass in seiner Jugendzeit das Kirchliche im Vordergrund stand, am „Drittfeiertag“ aber die Umzüge der Schützengilde und das Schützenfest. Hier handelt es sich um Bräuche, die die uralten „Wettkämpfe zum Sommergewinn“ abgelöst haben.

Aus der Insterburger Gegend hören wir, was auch sonst überall üblich war:

„Ja, wir holten doch Pfingstsonnabend Bärlapp aus dem Wald. An jeder Seite von der Haustür stand ein großer Birkenbaum im Wassereimer, damit er lange frisch hielt, und in der Stube, da war auch alles mit Ästen ausgesteckt. Überm Bett hingen ganz große Birkenäste, – da schlief sich’s noch mal so schön. Die ganze Stube roch dann nach Laub. Auch hinterm Spiegel und hinterm Schaff (großer Schrank), auch aus allen Ecken kuckte Grünes vor. Wenn eher Pfingsten war, das war schöner, weil das Laub dann noch so klein war. Wenn es erst grösser und wenn es schon warm war, dann waren da so viele Tierchen mang, dann schimpfte die Mutter schon, aber wir Kinder ließen nicht nach: Grünes musste in der Stube sein!“

Am schönsten roch es, wenn die Dielen zu Pfingsten mit Kalmus, dem Schilf, ausgestreut wurden. Klein gehackt strömte er herrliche Düfte aus. In den fast leeren Scheunen wurden große Schaukeln angebracht. Zu den Klängen einer Handharmonika, die ein Alter zu spielen pflegte, wurde geschaukelt und dazu gesungen und gejucht bis ins Dunkel hinein.

Von einer ganz besonderen Schaukel erzählt Frau Laging:

„Bei uns in der Tilsiter Gegend war es Sitte, dass die jungen Leute Pfingstsonnabend in den Wald gingen. Dann wurden Alwieteschaukeln gebunden. Was „Alwiete“ heißt, dass weiß ich nicht, das hab‘ ich schon vergessen.“

Es folgt eine Beschreibung der Schaukel. Als nun 1967 bei einem landsmannschaftlichen Abend in Eutin das Tonband mit dieser Erzählung lief, erhielt ich eine noch deutlichere Beschreibung von Landsmann Erich Scheer aus Untereißeln:

„Etwas reifere Männer suchten im Wald zwei parallel stehende kräftige Kiefernbäume, deren Baumkronen etwa vier Meter von der Erde entfernt waren. Das Abstand voneinander konnte 1,50 Meter sein. (Diese Bäume blieben an  Ort und Stelle stehen.) Es mussten dann zwei junge Birkenbäume, Durchmesser etwa sechs Zentimeter, vier Meter Länge, mit guten Baumkronen gesucht werden. Außerdem mussten Alwieten besorgt werden. Alwieten sind ein weidenartiges Gebüsch mit recht schmalen Blättern, dessen Triebe von ungeheurer Widerstandsfähigkeit und unzerbrechlich sind. Die Birkenkronen wurden dann mit Alwieten zu Kränzen von ca. 15 Zentimeter Durchmesser fest verflochten. Durch die Kränze wurde dann ein Rundholz, etwa 2,5 Meter Länge und zehn Zentimeter Durchmesser, geschoben und an den ausgesuchten Kiefernbäumen im Kronengehölz gut befestigt. Am unteren Ende der Birkenstangen wurde ein gutes Sitzbrett befestigt, und die Schaukelei konnte beginnen. Die Reibfläche der Kränze an dem Querholz wurde mit Schmierseife eingefettet. An den Feiertagen und Klein-Ostern (Sonntag nach Ostern) versammelte sich an der Schaukel viel Jugend, und auch ältere Laute sahen dem fröhlichen Treiben zu. Junge Leute wetteiferten; jeder wollte am höchsten sein Mädchen durch die Lüfte schwingen. Es hat jedenfalls viel Spaß gemacht… Es war eine unvergessliche Zeit“

Soweit Landsmann Scheer. Und nun lassen wir Frau Laging weitererzählen:

„Gewöhnlich huckte sich ein junges Mädchen auf das Brett hin, und ein junger Mann stellte sich ‚rauf. Manchmal überschlug sich die Schaukel um den Querbaum herum. Und dann haben wir Kinder geprachert: „Nu loat ons doch ok mal e bößke schockle!“ Na, dann hatten die jungen Leute auch mal Erbarmen. Wenn aber die jungen Leute weg waren, wurde direkt vom Gendarm verboten, dass die Schaukel so frei hing. Dann musste sie angebunden werden und mit einer Kette angeschlossen. Mit den Alwieteschaukeln, das war so von Tilsit, Ragnit bis Schmalleningken, Wischwill, Sokaiten und Pogegen und Modisken – ich bang‘ mich manchmal so nach der schönen Gegend. Wie schön, das kann ich gar keinem erzählen, und wie zufrieden wir alle waren, und so viel Spaß haben wir gehabt!“

Diesen ausführlichen Schilderungen sei noch hinzugefügt, dass das Wort „alwite“ im Alt-Litauischen eine Weidengerte bezeichnete. Also gab das Weidengeflecht der Schaukel ihren Namen. Wie in der Weidenrute beim Schmackostern vermutete man im Weidengezweige der Schaukel wirksame Lebenskräfte. Jene schlug nach dem Winterschlaf die Lebensgeister wach, diese wiegte junge Paare, die Zeit der Blüte und Reife verheißend, im Jahreslauf wie im Menschenleben.

Quelle: „Vom Festefeiern in Ostpreußen“ von Hedwig von Lölhöffel-Tharau, Hamburg 1987